„Ein verschlossener Garten…die Quelle des Gartens bist du…ein Brunnen lebendigen Wassers“ (Hld 4,12-15)

Liebe Leser,

in der Botschaft, die ich euch anbiete, spricht die Heilige Klara von Assisi von der Kontemplation, die der Gipfel der Liebe und des Gebets ist. Ich wünsche euch, dass ihr immer mehr den liebenden Blick Gottes für euch entdecken und zu Ihm euren liebenden Blick richten könnt.

Ich bete für euch und begleite euch mit meinem Gebet.

Stefania Caterina

 

Botschaft der Heiligen Klara von Assisi[1] vom 20. Mai 2013

„Liebe Brüder und Schwestern, Friede und alles Gute euch allen! Der Allerhöchste Herr bat mich, über die Kontemplation zu euch zu sprechen. Ihr wisst gut, dass mein irdisches Leben nichts anderes als Kontemplation gewesen ist; deshalb spreche ich mit Freude darüber.

Was ist die Kontemplation? Es ist keine asketische Übung, keine spirituelle Akrobatik, kein abstraktes Konzept, sondern es ist das Atmen, das Ausruhen der Seele. Als Gott den Menschen schuf, wünschte Er, dass dieser sein Mitarbeiter sei, dass er an seinem Werk, die Schöpfung zu regieren, teilnehmen würde. Es wurde euch oft erklärt, dass die Bestimmung des Menschen nicht jene war sich abzumühen, um sich das Leben zu verdienen sondern in der Freude zu leben, Gott dienen zu können. Die Arbeit hätte die Teilnahme an der göttlichen Kreativität sein sollen, die die Fähigkeit des Menschen, die Gesetze Gottes zu verstehen und zu verwenden, ermöglicht hätte.

Die Erbsünde, die von den Stammeltern begangen wurde, versklavte die Menschheit der Erde, die die Ruhe nicht mehr kannte. Die Arbeit auf der Erde ermüdet den Menschen, sie ist immer Quelle der Sorgen, sei es, wenn sie zu viel ist, sei es, wenn sie zu wenig ist. Von der Arbeit hängt der Verdienst ab, und der Verdienst ist den Menschen niemals genug: sind sie arm, möchten sie reich werden; sind sie reich, möchten sie noch reicher werden und haben nie Frieden; die Armen und die Reichen sorgen sich immer.

Jesus sagte: „Sorgt euch nicht…“ (Mt 6,25). Er wollte in der Tat den Menschen zur echten Beziehung mit dem Vater zurückbringen; Er wollte uns verständlich machen, dass Gott dazu fähig ist, für die Bedürfnisse des Menschen zu sorgen, und dass der Mensch im Dienst an Gott das Auskommen findet und auch noch darüber hinaus. Wir sind für Gott geschaffen und dafür, sein Reich zu suchen, das nicht von dieser Welt ist; wir sind dazu berufen, den göttlichen Gesetzen entsprechend zu leben, die nicht irdisch und fleischlich sind. Gott weiß, was wir benötigen, denn Er hat uns erschaffen; deshalb gibt Er uns immer das Notwendige zum Leben, immer dann, wenn wir uns dazu entscheiden, für Ihn zu leben.

Wenn wir dazu bereit sind für Gott zu leben, wenn wir wünschen, nur Ihm anzugehören und uns Ihm vollkommen hingeben, dann beginnt die wahre Kontemplation, die die Frucht der vertrauensvollen Hingabe an Gott ist. Das Opfer des Lebens an Gott ist der Schlüssel, der unseren Geist öffnet, in dem Gott seinen Schatz verborgen hat. Ja, liebe Brüder und Schwestern, wer Gott liebt, erwacht zum wahren Leben; wer bereit dazu ist, alles zu geben, erhält alles vom liebenden Vater. Wer liebt, wünscht das Antlitz des Geliebten zu betrachten und bewundert alles, was der Geliebte vollbringt, er weiß jeden Akt der Zartheit und Liebe zu erkennen. Auf diese Weise erblüht eine Liebesgeschichte zwischen dem Menschen und Gott, die nicht einmal mit dem Tod endet, im Gegenteil: In der Dimension der Ewigkeit werden der Liebende und der Geliebte eins.

Die Kontemplation ist die Haltung des Staunens und der Stille vor der Größe Gottes: Das Geschöpf unterwirft sich dem Schöpfer nicht aus Unterwürfigkeit oder aus Angst sondern aus Liebe. Aus dieser Haltung entspringen die Weisheit und die Erkenntnis der Gesetze des Lebens. Der Mensch wird fügsam unter der Hand Gottes und beginnt, im Licht zu handeln: Seine Werke sind gut, sie erbauen das ganze Volk Gottes. Der Mensch arbeitet für den Herrn, aber er empfindet keine Mühe mehr, denn er ist erfüllt von der göttlichen Gegenwart, die Ruhe für die Seele ist.

Der authentische Glaube führt immer zur Kontemplation, denn der treue Mensch fürchtet nichts und weiß in jeder Situation, auch in der härtesten, die Gegenwart Gottes zu erkennen, seine Hand, die still vorübergeht, um jeden Schmerz zu heilen. Der Glaube erlaubt es nicht, Gott jemals aus den Augen zu verlieren, der der Mittelpunkt des Lebens ist. Das ist Kontemplation.

Auch die Hoffnung führt zur Kontemplation, denn der Mensch, der aus der Hoffnung lebt, betrachtet jeden Tag die Gaben Gottes, durch die Er seine Verheißungen erfüllt. Nur ein Blinder würde sich nicht der kleinen und großen Gaben bewusst werden, die das tägliche Leben erfüllen. Morgen, beim Aufwachen, seht euch um und beginnt die Gaben zu zählen, die Gott euch während des Tages macht, beginnend mit der Sonne und der Luft, ohne die ihr nicht leben könntet; am Abend werdet ihr feststellen, dass ihr viel erhalten habt. Dann werdet ihr eurem Gott danken und Ihn bestaunen. Auch das ist Kontemplation.

Die Liebe, wenn sie Liebe ist, blüht in der Kontemplation auf. Ich sagte euch schon, dass der, der liebt wünscht, den Geliebten anzusehen. Die Kontemplation ist die Tochter der Liebe und ist niemals Selbstzweck: Die Kontemplation drängt zur Handlung, denn indem der Mensch die Liebe Gottes betrachtet, fühlt er sich von dieser Liebe erfüllt und geht auf den Nächsten zu. Er liebt die anderen mit der Liebe Gottes und entdeckt in den Brüdern und Schwestern die gleiche Liebe. Und auch das ist Kontemplation.

Aus all dem könnt ihr verstehen, dass ihr alle zur Kontemplation berufen seid und dass diese Teil eures Lebens ist; in Wahrheit müsste das Leben der Christen ein kontemplatives Leben sein. Leider reduzieren viele die Kontemplation auf die Erfahrung von Mönchen oder Klosterschwestern oder jenen, die in Klausur leben, während ihr hingegen alle dazu geboren seid, Gott zu betrachten. Einige entscheiden sich dafür, sich der Kontemplation als Dienst zu widmen, indem sie ein von der Welt zurückgezogenes Leben wählen; es ist ein großer Dienst, den die Menschen nicht immer verstehen, weil sie nicht wissen, was die Kontemplation ist. Jeder Mensch müsste es jedoch wissen, denn der Geist des Menschen ist dazu gemacht, Gott zu erkennen, aber er kann nicht das erkennen, was er nicht sieht. Gerade dazu dient die Kontemplation: Es ist der Blick des Geistes, der zu Gott erhoben ist und der es erlaubt, Gott so zu erkennen, wie Er ist.

Gott, der Geist ist, wohnt im Geist des Menschen. Die Gegenwart des Heiligen Geistes in eurem Geist ist wie ein Brunnen, der in der Mitte eines Gartens steht. Wenn ihr Gott liebt und euch Ihm aufopfert, erblüht euer Geist wie ein Garten, denn die Quelle des Geistes durchströmt ihn fortwährend. Die Gegenwart Gottes weist das Böse von eurem Geist ab; er wird zu einem verschlossenen, geschützten Garten, denn Gott hütet das Seine auf eifersüchtige Weise. In eurem geschlossenen Garten könnt ihr Gott betrachten und in Ihm ausruhen. Es ist in eurem Geist, wo ihr ausruht, mehr als an allen anderen Orten der Welt. Daher ist die Kontemplation die wahre Ruhe, jene, die der Mensch vor der Sünde kannte. Jesus ist gekommen, um die Menschheit in die wahre Ruhe in Gott einzuführen; Er öffnete einen neuen und lebendigen Weg zum Vater hin. Daher wird alles in Jesus Christus vereint sein, und Er wird die gesamte Menschheit des Universums und alle Geschöpfe in die neue Schöpfung einführen, wo der Mensch und die Schöpfung für immer in Gott ruhen, ohne Tränen und Mühe mehr, ohne Verdorbenheit.

Nur Gott kennt den Augenblick, in dem all das geschehen wird. Dennoch könnt ihr schon jetzt im Vorhinein die Ruhe in Gott genießen, indem ihr sie in der Intimität eures Geistes sucht, dort, wo Gott einen Brunnen lebendigen Wassers gegraben hat. Er kommt, um in euch zu leben, wenn ihr Ihn ruft, wenn ihr Ihn mit all euren Kräften begehrt. Er ist der Brunnen, aus dem ihr ein Wasser schöpft, das euch niemand anderer geben kann und dank dessen ihr niemals mehr Durst haben werdet (Joh 4,14). Ich rate euch, dieses reinste Wasser aus dem Brunnen Gottes, der in euch ist zu schöpfen; tut es nicht den vielen Menschen dieser Erde gleich, die aus den Pfützen voll Schlamm trinken und erneut durstig werden. Erinnert euch des Brunnens mit lebendigem Wasser, der Gott in euch ist, sucht Ihn in eurem Geist und dort werdet ihr Ihn finden.

Während meines irdischen Lebens bin ich nie müde geworden, das Antlitz Gottes zu suchen. Ich schöpfte ständig aus dem Brunnen lebendigen Wassers und je mehr ich schöpfte, umso mehr erfüllte ich mich; mein ganzes Wesen strömte über vor Liebe und sie breitete sich um mich aus, es gelang ihr, viele ferne Seelen zu berühren, auch wenn ich in der Stille von San Damiano lebte. Werdet niemals müde, Jesus zu suchen und sein Antlitz zu betrachten, das voller Liebe für euch ist. Lasst euch von seinem Blick umfangen und ihr werdet wahre Ruhe finden; dann werdet ihr Gott auch im täglichen Leben betrachten, dort, wo sich euer Leben zuträgt.

Ich begleite euch mit meinem Gebet und liebe euch in Gott. Empfangt meinen Segen:

Der Herr segne

und behüte euch.

Er lasse sein Angesicht

über euch leuchten

 und schenke euch seine Barmherzigkeit.

Er richte seinen Blick auf euch

 und schenke euch Frieden.

Der Herr sei immer mit euch

und mache, dass ihr immer bei Ihm seid!


[1] Klara wurde 1194 in Assisi in einer adeligen Familie geboren. Noch jung entschied sie sich, nur Christus anzugehören. Sie suchte den Heiligen Franziskus auf, um sich mit ihm zu beraten, der ihre Entscheidung guthieß, sich von der Welt zurückzuziehen; er selbst bekleidete sie mit der Kutte und bereitete für sie eine kleine Behausung neben der Kirche von San Damiano. Schnell schlossen sich ihr andere, junge Frauen aus Assisi an; so entstand der Zweite Franziskanische Orden, der zuerst den Namen „Arme Frauen bei San Damiano“ und später „Klarissen“ erhielt. Klara lebte immer in San Damiano, in Armut und in der Kontemplation. Sie starb 1253, zwei Jahre später wurde sie von Papst Alexander IV heilig erklärt. Ihr Körper ruht in der ihr gewidmeten Basilika in Assisi.

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