Medjugorje – Teil 3

Von Mauro, Loredana und Luisa

(aus dem Buch „In Medjugorje ist die Muttergottes lebendig“ Gespräche mit Pater Tomislav Vlašić; Hrsg. Luci dell’Esodo)

Die tiefere Bedeutung der Erscheinungen

Ich persönlich glaube, dass die Erscheinungen der Muttergottes eine Art Besuch im Volk Gottes sind, so wie Maria Elisabeth besuchte und Johannes im Schoß seiner Mutter erreichte. Auf die gleiche Weise offenbart sich die Mutter Gottes durch die sechs Seher allen Menschen. Sie erreicht und erweckt jeden persönlich. Und die Gnade hat jeden berührt und berührt jeden und lädt jeden ein, eine persönliche Antwort zu geben.

Gott hat in seiner Weisheit verschiedene Menschen für verschiedene Aufgaben vorgesehen. Das Wirken des Heiligen Geistes bei den Erscheinungen der Muttergottes in Medjugorje ausschließlich auf die sechs Seher zu beschränken, erscheint mir zu kurz gegriffen. Der Heilige Geist wirkt durch die sechs Seher, wie auch durch viele andere. Er ist es, der die Kirche hervorbringt, der dem Mystischen Leib Christi Leben gibt, der jeden Menschen führt. Gott allein ist derjenige, der Gnade schenkt, der dem Einzelnen immer neue Gaben verleiht.

Ich erinnere mich oft an den Moment, als Vicka und Jakov spielten und die Muttergottes kam, um sie zu rufen, mit Ihr in den Himmel zu gehen. Sie überließen sich dieser Gnade und erzählten uns später von ihrer Erfahrung des Paradieses. Vicka und Jakov hatten dies in keiner Weise verdient, sie hatten sich nicht einmal auf etwas Derartiges vorbereitet: Die Gnade kam einfach auf sie herab und Gott wollte, dass sie die Realität des Himmels kennenlernen. Sie wurden also zu Boten, zu Zeugen für die Existenz des Paradieses. Die Heilige Schrift hatte uns bereits die Existenz des Paradieses offenbart, aber ihr Zeugnis hilft uns, denn es bestätigt, was wir bereits wissen: Der Heilige Geist bestätigt ständig die Wahrheiten des Glaubens. Es ist daher wichtig zu betonen, dass die Gnade, die den sechs Sehern zuteilwurde, eine Gnade ist, die der ganzen Welt unentgeltlich geschenkt wurde. Das Geschenk der Erscheinungen wird ihnen nicht als Belohnung gegeben, sondern als Dienst, damit sie allen die Gegenwart der Muttergottes mitteilen können.

Wir müssen jedoch noch einen weiteren Punkt anführen: Wie ich bereits erwähnt habe, hat sich die Muttergottes in Medjugorje nicht nur den sechs Sehern offenbart, sondern Sie hat sich auch vielen anderen Menschen durch verschiedene Gaben wie innere Schau, Visionen oder besondere geistige Erfahrungen offenbart. Auch diese Menschen sind aufgerufen, nach ihrem Gewissen Zeugnis von der empfangenen Gnade abzulegen. Ich denke dabei vor allem an die Seherinnen Jelena Vasilj und Marijana Vasilj, aber auch an viele andere Menschen, die mir im Laufe der Jahre ihre inneren Erfahrungen anvertraut und mir von den Gnaden erzählt haben, die sie gerade in Medjugorje empfangen haben.

Jede Gnade ist ein unentgeltliches Geschenk von Gott, aber wenn wir von der Dimension der Mystik oder innerer Glaubenserfahrungen sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass immer ein Weg, ein Prozess der Bekehrung erforderlich ist; wenn die Menschen diesen Weg der Bekehrung nicht gehen möchten, dann können sich die empfangenen Gnaden nicht entwickeln und gewisse Erfahrungen oder Visionen bleiben auf einer oberflächlichen Ebene stehen. Sie können keine Früchte tragen.

Für mich war es immer sehr schön, in Medjugorje die Verbindung zwischen den sechs Sehern und Jelena und Marijana zu sehen, zu sehen, wie zwischen diesen verschiedenen Erfahrungen ein gemeinsames Leben floss. Zum Beispiel, als die Muttergottes durch Jelena die Gebetsgruppe gründen wollte, lud Sie auch die sechs Seher ein, daran teilzunehmen und sich in jenen Weg des Gebets einzufügen. Und tatsächlich nahm die Seherin Marija Pavlović teil. Man könnte sagen, dass die Gabe der inneren Schau, die Jelena geschenkt wurde, die Gabe der Erscheinungen ergänzte.

Ich führe noch ein weiteres Beispiel an. Als die Muttergottes ab März 1984 regelmäßig Botschaften schenkte (anfangs jeden Donnerstag und später jeden 25. des Monats), dachte die Mehrheit der Gläubigen, dass der Impuls durch Marija Pavlović gekommen sei, aber das war nicht der Fall! Er kam von Jelena Vasilj. Sie war es, die mir Ende Februar 1984 den Wunsch der Muttergottes mitteilte, dass die Gläubigen, die wegen ihrer Arbeit nicht mehr jeden Abend in die Kirche kommen konnten, sich wenigstens einmal in der Woche, donnerstags, zur Heiligen Messe versammeln sollten, und dass sie nach der Heiligen Messe zur Anbetung bleiben und das sechste Kapitel des Matthäusevangeliums1 meditieren sollten, in dem von der Hingabe an Gott und vom Vertrauen in seine Vorsehung die Rede ist. Unter anderem teilte die Muttergottes Jelena folgende Worte mit: Betet ständig das Allerheiligste Sakrament des Altares an. Ich bin in besonderer Weise gegenwärtig, wenn die Gläubigen es anbeten. In diesem Moment werden besondere Gnaden empfangen.“ Einige Tage später, genau am 1. März, gab die Muttergottes durch Marija Pavlović folgende Botschaft: „Liebe Kinder, ich habe diese Pfarre auf besondere Weise auserwählt und möchte sie führen. Ich behüte sie in Liebe und wünsche, dass ihr alle mein werdet. Ich danke euch, dass ihr heute Abend meinem Ruf gefolgt seid. Ich wünsche, dass ihr immer, in immer größerer Anzahl, hier mit mir und meinem Sohn seid. Ich werde jeden Donnerstag eine besondere Botschaft für euch geben.“ (1/3/1984)

Wenn wir über all das nachdenken, sehen wir mehrere wichtige Elemente: zunächst einmal die Verbindung zwischen der Seherin Jelena und den sechs Sehern. Durch Jelena übermittelte mir die Muttergottes eine Botschaft, und Marija Pavlović begann einige Tage später, am Donnerstag, Botschaften der Muttergottes für die Pfarre zu erhalten.

Ein zweites Element ist, dass die Muttergottes sagte: „Wenn ihr das Allerheiligste Sakrament anbetet, bin ich in besonderer Weise bei euch“, was bedeutet, dass, wenn sich die Gläubigen bekehren, die Heilige Messe würdig feiern und das Allerheiligste Sakrament anbeten, sich das, wofür die Muttergottes gekommen und erschienen ist, verwirklicht. Mit diesem Satz wollte uns die Mutter zu verstehen geben, dass wir den wahren Sinn der Erscheinungen, ihrer mütterlichen Gegenwart in unserer Mitte, nur dann begreifen können, wenn wir in eine tiefere Beziehung zu Gott treten. Dank dieser Beziehung zeigte sich zu Beginn der Erscheinungen deutlich das Zusammenspiel der Gnade Gottes, die durch die sechs Seher wirkte, und den Gnaden, die durch Jelena bzw. dem Volk wirkten. Das liegt daran, dass Gott alle und alles zur Gemeinschaft im Heiligen Geist führt, wie es an Pfingsten geschah. Ich verstand damals, dass eine der grundlegenden und heikelsten Aufgaben des Priesters darin besteht, das Zusammenwirken der Gnaden zu fördern und zu pflegen. Das ist auch sehr wertvoll, weil es die Zerstückelung der Gaben und Rivalitäten zwischen den Mitgliedern des Volkes Gottes verhindert. Auf diese Weise wird die Kirche im Heiligen Geist erbaut.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die Erscheinungen der Muttergottes in Medjugorje ihren besten Ausdruck im zweiten Geheimnis des Freudenreichen Rosenkranzes finden: Marias Besuch bei Elisabeth. Die Seele und der Körper von Elisabeth haben diesen Besuch wahrgenommen, und das Gleiche traf auf den kleinen Johannes zu, der mit seinem ganzen Wesen Maria erkannte und Jenen, der in ihrem Schoß war: Durch Maria spürte Johannes die Berührung Gottes. Bei dieser Begegnung erfüllte der Heilige Geist Elisabeth, segnete das Kind in ihrem Schoß und sie gebar den Propheten, der dem Messias vorausging und ihn der Welt kundtat.

Wenn man von den Erscheinungen in Medjugorje spricht, werden für gewöhnlich die Botschaften der Muttergottes wiederholt, die als wesentlich angesehen werden: Frieden, Gebet, Fasten, Beichte, Bekehrung, Glaube… Meiner Meinung nach ist die tiefste Bedeutung der Erscheinungen das, was ich die Berührung der Liebe Gottes durch Maria nenne, die jeden Menschen erreicht.

In diesem Zusammenhang möchte ich an eine Begebenheit erinnern, die genau diese Berührung der Muttergottes zum Ausdruck bringt. Sie ereignete sich am 4. August 1984. Wie wir wissen, hatte die Muttergottes Jelena Vasilj gesagt, dass der genaue Tag ihrer Geburt der 5. August2 sei. Zuvor hatte mich die Muttergottes durch Jelena gebeten, die Pfarrangehörigen zu einer Novene des Fastens und des Gebets einzuladen als Vorbereitung auf dieses Fest; die Liturgie feiert an diesem Tag die Weihe der Basilika Santa Maria in Rom, die später Santa Maria Maggiore genannt wurde, bei uns aber auch als Unsere Liebe Frau vom Schnee bekannt ist. Viele Menschen fasteten und beteten neun Tage lang. Die meisten Pfarrmitglieder arbeiteten nicht einmal an den letzten drei Tagen der Novene, abgesehen von den notwendigsten Tätigkeiten. Man könnte sagen, dass Medjugorje einem richtigen Kloster glich, in dem alle beteten, fasteten und wachten. Am Vorabend dieses 5. August hatte Jelena während des Gebets eine bedeutende Vision, in der Satan sich ihr näherte, sich vor sie hinkniete und zu weinen begann. Dann sagte der Teufel zu ihr: „Sag ihr (an die Muttergottes gerichtet), sie soll die Welt nicht segnen.“ Und das wiederholte er mehrere Male. Unmittelbar danach hatte Jelena eine weitere Vision: Sie sah die Muttergottes und als Sie ankam, verschwand Satan. Die Muttergottes sagte ihr daraufhin: „Er weiß, was er will, er will nicht, dass ich die Welt an diesem Tag segne“, und in diesem Moment segnete Sie feierlich die ganze Menschheit.

Ich erzähle diese Episode, um zu verdeutlichen, wie real diese Berührung Gottes durch die Muttergottes ist. Es war wirklich beeindruckend, was in dieser Nacht und am nächsten Tag geschah. Die Gnade war gegenwärtig, sie war greifbar. Die Priester hörten den ganzen Tag über die Beichte und stießen dabei auf besondere Fälle: Menschen, die auf dem Weg zum Meer waren, ohne an die Erscheinungen zu denken oder überhaupt zu wissen, dass es sie gab, die dann seltsamerweise anhielten und nach Medjugorje fuhren. Die Menschen empfingen das Sakrament der Versöhnung selbst nach dreißig oder mehr Jahren mit außerordentlicher Leichtigkeit. Die Priester bezeugten, dass die Gnade in den Beichten greifbar war. In all dem wurde die Berührung Gottes durch Maria auf konkrete Weise sichtbar: Die Jungfrau besuchte ihre Kinder, Sie brachte Gott zu ihnen.

Wenn sich der Mensch dieser göttlichen Berührung öffnet, den Impulsen, die Maria überbringt, geschieht das Wunder: Sein ganzes Leben wird umgewandelt, er wird von oben neu geboren, wie Jesus Nikodemus erklärt.3

Die Neuheit von Medjugorje

Ich denke, dass die Muttergottes selbst durch Vicka eine Antwort auf diese Frage gegeben hat, als Sie sagte, dass Sie in dieser Pfarre erschienen sei, weil „es viele gute Gläubige gibt“‚ und dass hier „tiefe Wurzeln des Glaubens sind (15.09.1981). Wenn wir diese ihre Antwort betrachten, dann müssen wir wirklich alles im Licht des Glaubens verstehen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich 1983 mit dem bekannten Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar führte, der mir sagte: „Kein Mensch und kein Ort verdienen es, dass die Gottesmutter erscheint, und kein Ort in der Welt ist rein und heilig genug, dass die Gottesmutter erscheinen kann, ohne dass es Spannungen und Verfolgungen gibt.“ Wenn wir die Welt heute betrachten, sehen wir so viele Orte, an denen die lebendige Gegenwart der Mutter des Trostes und der Hoffnung unentbehrlich wäre, aber das geschieht nicht.

Wenn also die Gottesmutter erscheint oder wenn Gott eine Gnade schenkt, dann ist diese Gnade völlig rein, denn sie kommt von Ihm, niemand hat sie verdient. Warum gießt Gott diese Gnade an einem Ort aus, warum schenkt Er sie einer bestimmten Person? Das bleibt ein Geheimnis, es ist das Geheimnis der Verteilung der Gnade und der freien Wahl Gottes. Aber in Bezug auf die Tatsache, dass die Muttergottes sagte, Sie sei in Medjugorje erschienen, weil die Wurzeln des Glaubens in diesem Volk tief seien, verbinde ich mit diesen Erscheinungen auch in besonderer Weise ganz Europa, das heute eine tiefe Krise der christlichen Identität erlebt.

Von Anfang an habe ich geglaubt, dass die Erscheinungen der Mutter Gottes in Medjugorje das Werk des Heiligen Geistes sind. Vor allem heute unterscheide ich klar zwischen den Erscheinungen der Muttergottes als eine außergewöhnliche Gnade, die an einen bestimmten Ort und geschichtlichen Moment gebunden ist, und der Gegenwart der Muttergottes, die überall ist, in Raum, Zeit und Ewigkeit. Die Erscheinungen sind eine Gnade, sie sind die Bestätigung der Mutterschaft und der Fürsorge der Muttergottes für die ganze Menschheit, ihrer Sendung als Mutter Gottes. Und dies ist eine Gnade, die uns allen geschenkt wurde. Deshalb verstehe ich, dass das zu erreichende Ziel nicht darin besteht, bei den Erscheinungen als übernatürliches Phänomen stehenzubleiben, sondern zu lernen, in der Gegenwart Mariens zu leben, die uns ständig in das Leben der Heiligen Dreifaltigkeit zieht. Die Muttergottes erscheint seit so langer Zeit, weil Sie uns lehren möchte, in ihrer Gegenwart und in der Gegenwart Gottes zu leben.

In Medjugorje wird die Theologie des Ostergeheimnisses stark betont: der Durchgang durch das Leiden und den Tod, der uns zur Auferstehung führt. Dies ist die grundlegende Botschaft, die uns die Erscheinungen überbringen, und es kann nicht anders sein, denn die Mutter führt uns immer zu dem, was ihr Sohn Jesus erlebt hat, zum einzig wahren Weg der Heilung. Die Jungfrau führt uns daher zur Essenz, zum Geheimnis des Christentums: zur Eucharistie, zum Ostergeheimnis. Und schließlich offenbart Sie uns die dreifaltige Dimension, denn in Wahrheit können wir Maria in ihrer Fülle nur in der Allerheiligsten Dreifaltigkeit finden.

Ich bin der Meinung, dass wir aufgerufen sind, in eine lebendige und ständige Beziehung zu Gott und zur Muttergottes einzutreten. Die Muttergottes erscheint in Medjugorje nämlich nicht, um nur ein paar Minuten am Tag bei uns zu sein, sondern um uns zu helfen zu verstehen, dass wir geschaffen sind, um in Gott zu sein, um ständig mit Ihm in Beziehung zu stehen und seine Stimme zu erkennen. All dies zu verstehen, war für mich eine große geistige Bereicherung, in der ich das Wirken des Heiligen Geistes durch die Braut Maria lesen konnte.

Einmal sagte ein befreundeter Priester zu mir, als er über Medjugorje sprach: „Mein lieber Pater Tomislav, aber wer wird das alles kontrollieren?“ Ich antwortete ihm: „Genau das ist unser Problem, dass wir alles kontrollieren möchten, während Gott uns aufruft, uns auf den Weg zu machen und zu wachsen, die Menschen durch Maria zum Heiligen Geist zu führen, damit Sie sie zu Jesus und mit Ihm zum Vater führen kann.“ Das ist eine kostbare Wahrheit: Nach all dem, was ich zunächst mit den Sehern und dann mit vielen gläubigen und gottgeweihten Menschen erlebt habe, habe ich verstanden, dass ich niemanden kontrollieren kann und will. Ich muss mich nur darum kümmern, auf dem Weg zu sein, die Nähe Gottes zu erfahren und den Menschen zu zeigen, wie sie in Beziehung zu Gott treten können, sodass es der Herr ist, der alles und jeden führt und leitet.

Die Neuheit, die Medjugorje der Kirche und der Menschheit bringt, ist die Begegnung mit dem lebendigen Gott. Vielleicht sagt das einigen nicht viel, aber wenn wir uns vor dem lebendigen Gott wiederfinden und Ihm erlauben, uns völlig einzubeziehen und alles in uns nach seinem Plan zu verändern, dann ist das eine absolute Neuheit. Ich glaube, dass Gott mit den Erscheinungen in Medjugorje folgende Absichten verfolgt: den Menschen durch das Unbefleckte Herz an sich zu ziehen, die Kirche an sich zu ziehen und durch sie die ganze Welt. Jeder muss dem lebendigen Gott begegnen und Ihn im Glauben von Angesicht zu Angesicht betrachten.

Diese Begegnung mit Gott bringt auch andere Neuheiten mit sich: Das christliche Leben muss einfach werden, es muss sich von Formeln befreien und von dem, was den Geist belastet und in leere Vorschriften einschließt. Die Einfachheit führt uns zu einer direkten Beziehung zu Gott, zu der Jesus das Volk, dem Er predigte, führen wollte, so wie es der Heilige Geist durch den Propheten Jesaja sagte und wie es im Matthäusevangelium heißt: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen. An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden und mit ihren Ohren hören sie nur schwer und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile. Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“4 Wir sind also zu dieser Einfachheit aufgerufen, von der Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal sprach: „Die Erneuerung des Lebens der Kirche liegt nicht in einer Ansammlung von frommen Übungen und der Schaffung von Institutionen, sondern in einer vollständigen und einzigartigen Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Christi. Neuheit, Erneuerung bedeutet, einfach zu werden, sich zu jener echten und wahren Einfachheit zu bekehren, die das Geheimnis all dessen ist, was existiert. Aber dies ist nichts anderes, als das Echo der Einfachheit des Einen Gottes.“5

Was können wir noch über die Neuheit sagen? Wenn die Gottesmutter erscheint, zeigt Sie sich als einfache und lebendige Gegenwart in unserer Mitte; mit Ihr steigt die Kirche des Himmels herab und lädt die Kirche der Erde ein, in die wahre Gemeinschaft im Heiligen Geist einzutreten. Dies ist eine Wahrheit, von der alle liturgischen Bücher nur so strotzen, die aber konkret gelebt werden muss!

Das Ergebnis dieser Neuheit ist das der ersten Kirche, die sich aus der Versammlung der Apostel, aus Maria, den Frauen und den Jüngern zusammensetzte, die anwesend waren, als der Heilige Geist auf sie herabkam und sie mit sich selbst erfüllte. Alles wird neu und alles wird ständig erneuert. Es handelt sich nicht um eine Neuheit, die vom Evangelium losgelöst ist, sondern um eine neue Dynamik, eine neue Vitalität, so wie der Frühling eine Neuheit für den Winter, der Sommer eine Neuheit für den Frühling ist und so weiter. Es ist ein fortwährender lebensnotwendiger Prozess, der viele Früchte trägt. Es ist das Zeichen der Dynamik des Glaubenslebens, das sich vom Stillstand unterscheidet, der in bestimmten Formen der Religiosität oft verschiedene und sehr gefährliche Nuancen aufweist.

Bereits am fünften Jahrestag der Erscheinungen habe ich darauf hingewiesen, dass sich viele täuschen, wenn sie glauben, dass die Pfarre von Medjugorje ein zweites Lourdes oder ein zweites Fatima werden wird. Ich persönlich bin der Meinung, dass man nicht zu viel über Medjugorje reden sollte, um es nicht zu einer Ideologie werden zu lassen. Die Muttergottes ruft uns nicht auf den Erscheinungsberg, auf den Križevac oder in die Pfarrkirche, weil Medjugorje eines von vielen Heiligtümern ist, sondern weil Sie die Menschheit in die neuen Zeiten einführen will. Mit den Erscheinungen von Medjugorje hat eine neue Zeit begonnen. Es geht um eine neue Qualität des geistlichen Lebens, eine neue Qualität des Lebens im Allgemeinen, die unser ganzes Wesen umfasst, denn der christliche Ruf zielt nicht nur darauf ab, dass wir im Geist, sondern auch im Körper auferstehen. Wir denken kaum über die Auferstehung des Körpers nach, deshalb kann unsere Umwandlung nicht geschehen. Die Umwandlung des Menschen ist die eigentliche Neuheit.

Aus meiner Sicht und aus den Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann ich sagen, dass wir uns nicht bewusst sind, wie sehr wir noch immer von der Verderblichkeit versklavt werden und wie arm wir sind, weil wir Gott nicht erlauben, uns einzubeziehen und diesen Prozess der Umwandlung in uns und in der Menschheit zu beschleunigen. Denn die gesamte Menschheit ist aufgerufen, in den neuen Himmel und die neue Erde6 einzutreten. Ich verstehe, dass dies bedeutet, in das Neue und in neue Zeiten einzutreten, denn der Heilige Geist, der Urheber des Lebens, führt uns immer in eine Dimension des Neuen ein.

Es gab viele Episoden, in denen ich die Neuheit, von der wir sprechen, erlebt habe, aber ich möchte von einem Ereignis erzählen, das sich am Karfreitag 1983 ereignete. Ich war zusammen mit einer Nonne und einem Mitbruder auf dem Weg zum Križevac. Wir beteten den Rosenkranz und wollten den Berg besteigen, um den gekreuzigten Herrn anzubeten. Am Anfang des Weges, am Fuße des Križevac, wurden wir von der Polizei aufgehalten: Sie sagten uns, wir könnten nicht hinaufgehen. Ich fragte: „Warum?“ Ein Kommandant kam, er war wütend und sagte mir: „Sie können nicht hinaufgehen, es ist verboten!“ Ich antwortete ihm, dass dies Land sei, das der Pfarre gehörte und dass es für die Gläubigen Tradition sei, dort jedes Jahr das Kreuz des Herrn anzubeten. Er entgegnete aggressiv: „Beschweren Sie sich, so viel Sie wollen, aber Sie können da nicht hinaufgehen!“ Ich erwiderte: „Ich werde mich nicht beschweren, aber ich werde öffentlich protestieren!“

Danach setzten wir drei unseren Weg bis nach Miletina fort und während wir weiter den Rosenkranz beteten, kehrten wir zum Pfarrbüro zurück. Als wir in der Pfarre ankamen, setzte ich mich in mein Zimmer und schrieb, ohne jemandem etwas zu sagen, einen Protestartikel für eine Zeitung. Ich ließ den Text auf dem Tisch liegen, weil ich ihn noch von anderen Leuten kontrollieren lassen wollte, bevor ich ihn an die Zeitung schickte. Am Ostermontag kam die kleine Seherin Jelena Vasilj, die damals elf Jahre alt war, und ohne etwas von all dem zu wissen, sagte sie zu mir: „Die Muttergottes sagt dir: Beschwere dich nicht, protestiere nicht! Bete und freue dich, denn wenn Gott seine Hand an ein Werk legt, wird Ihn niemand aufhalten.“ In diesem Moment fielen alle meine menschlichen Gründe zusammen, die mein Wille hervorgebracht hatte, alle meine menschlichen Kämpfe. Ich trat in die Freude und den Frieden ein und verzichtete auf jegliche Form des Protestes. Diese Lehre hat sich mir tief eingeprägt. Seitdem habe ich mich immer an die Worte der Muttergottes erinnert, wenn ich in schwierigen Situationen war, die mich sehr provozierten.

Ich musste viele dieser inneren Durchgänge durchlaufen, von denen ich glaube, dass sie eine reine Gnade waren, die Gott mir geschenkt hat, damit ich auf meinem Weg weitergehen konnte. Wer die Nähe von Maria erfährt, erfährt ihre Mütterlichkeit und dass Sie die Braut Gottes und der Kirche ist. Die Zärtlichkeit ihrer Liebe ist unbeschreiblich: In Ihr verschwinden alle Schranken, alle Wunden heilen und alle Fragen werden beantwortet. Die Seele fühlt sich erfüllt vom Leben Gottes, nach dem sie sich in ihrem Innersten sehnt, obwohl sie auf Hindernisse, Prüfungen und Schwierigkeiten stößt. Das ist die echte Neuheit, die uns einen tiefen Frieden schenkt, auch wenn es von außen betrachtet so aussieht, als wären wir besiegt. In jedem Abschnitt der Heiligen Schrift lesen wir, dass wir Gott erlauben müssen, unser Leben zu führen: Dies in der Realität zu leben ist der Beginn einer vollständigen geistlichen Erneuerung.

1 Mt 6, 24-34

2 Die Struktur der heiligen Zeiten der christlichen Liturgie ist auf Jesus Christus ausgerichtet; daraus folgt, dass die Figur Mariens eng mit dem Geheimnis Christi verbunden ist. So wurde das marianische Element im Kirchenjahr zu einer Erweiterung der christologischen Hochfeste. Daher ist es verständlich, dass das historische Datum ihrer Geburt nicht in den liturgischen Ablauf eingeführt wurde. Diese Erklärung hat nicht die Absicht, liturgische Feste einzuschieben, denn es ist klar, dass diese Erfahrung den Wert eines menschlichen Zeugnisses hat und von den kirchlichen Dekreten als solches betrachtet wird. Auch die Seherin Vicka Ivanović bestätigt in einem Gespräch mit Žarko Ivković dieses Datum als den Tag der Geburt der Muttergottes (Medjugorje Tribune, 2007 – Bd. 2).

3 Vgl. Joh 3, 3

4 Mt 13, 13-17

5 J. Ratzinger, Il nuovo popolo di Dio (Das neue Volk Gottes), Brescia 1971, 301-303.

6 Vgl. Offb 21,1. 22,5